Die Selbstdemontage der Wirtschaftswissenschaft

Was wohl würde mit einer Ingenieurswissenschaft geschehen, deren fortschrittlichste Gebäude nach etwa 50 Jahren angeblich ohne Vorwarnung in sich zusammenfallen und die Bewohner unter sich begraben? Und was geschieht mit Wirtschaftswissenschaftlern, deren Gebäude unter Inkaufnahme zahlloser Opfer in sich zusammenbrechen? Sie bekommen Nobelpreise. Nicht die Ingenieure. Italien beweist gerade, dass man Wissenschaftler auch in Haftung nehmen kann (spon).

Das gegenwärtige Wirtschaftssystem ist kein Natursystem, das unter den melancholischen Augen wirtschaftswissenschaftlicher Naturforscher vor sich hin blüht, wächst und gedeiht. Es ist ein Gebäude, das aus den Theorien der Wirtschaftswissenschaft errichtet, von den Kreaturen, die sie studiert haben, erbaut und betrieben wird. Wenn diese Krise nur eines zur Fiolge haben sollte, dann die Vorladung der Wirtschaftswissenschaft vor die Tribunale der Öffentlichkeit. Haben sie sich nicht alle lustig gemacht darüber, wie durch ökonomische Blindheit der Theoretiker die DDR und andere Staaten des Ostblocks zusammenbrachen? Und lachen sie jetzt noch, wo ihr eigenes System bröckelt. Und zwar an Stellen, von denen abzulesen ist, dass es mit dem Bröckeln nicht getan sein wird, sondern dass es die tragenden Strukturen sind, die gerade nachgeben.

Warum?

Weil die Ökonomie in ihrem naiven Bestreben, eine seriöse, ernst zu nehmende und positive Wissenschaft zu werden, sich

weiterlesen>>

der Mathematik annahm und versuchte, zu formalisieren, was nur zu formalisieren geht (und übrigens: nichts geht hier zu formalisieren – es sei denn, man unterrichtet die Kreaturen so, dass sie sich nach diesen Formeln richten).

Was hat die Wirtschaftswissenschaft ausgeblenswt?

  • Die Individual- und Massenpsychologie: Durch den Homunculus Oekonomicus glaubten sie, ein Standardmodell des wirtschaftlich handelnden Subjektes erschaffen (sie würden sagen: gefunden) zu haben, aus der heraus sie ihre Theorie entwickeln, und das sie in diese Theaorie wieder einbauen können. Vom Homo Oekonomicus ist allerdings zu sagen, was vom „neuen Menschen“ des Sozialismus zu sagen ist. Es gibt ihn nur in wirtschaftswissenschaftlichen Büchern und unter den Abgängern ihrer Fakultäten. Bedauernswerte Krüppel.
  • Die Politik: Indem die Wirtschaftswissenschaft mit ihren liberalistischen Zweigen sowohl die Funktion des Staates bei der Geldschöpfung abwiesen, wie auch staatliche Eingriffe für Teufelszeug hielten, schafften sie es einerseits, die Politik (auch indem sie ihre Theorie durch Mathematisierung und Verklausulierung von der Verständlichkeit abschirmten) fern zu halten, ihnen zu vermitteln, das sie, die Politiker, von Ökonomie nichts verstünden und deswegen auf die Ökonomen angewiesen seien. Andererseits gelang es ihnen nach der Abschottung vom politischen Eingriff das politische System diskursiv feindlich zu übernehmen. Weitestgehend. Bis hin zu dem absurden Gedanken, die Zukunft werde besser, wenn Europa eine Wirtschaftsregierung habe. Warum keine Militärregierung? Ist eine Monetärdiktatur besser als eine Militärdiktatur?
  • Das was man grob als Gesellschaft bezeichnen könnte. Noch Luhmann sitzt der Autonomie des Wirtschaftssystems auf und hält es für ein eigenes System, dem gegenüber sich die Gesellschaft nur als Umwelt verhält. Ein Knüller.
  • Die Nanoökonomie: Dass die Gesetze in der Mikro- und Makroökonomie unterschiedlich sind, zeigt sich nicht zuletzt in der Aufspaltung von VWL und BWL. Dass aber das fundierende Elemente, die Nanoökonomie des täglichen Lebens im Familien-, Freundes- und Bekanntenumkreis wiederum völlig andere Mechanismen hat, trifft nur auf Ignoranz. Dass der Homo Oeconomicus in diesem Umfeld alles andere als rational, ja geradezu irrational handelt und wirtschaftet, ist den Scholastikern vermutlich nicht einmal mit Gewalt beizubringen. Man würd ihnen wünschen, dass ihre Eltern ihnen die Kosten für ihre Jugend mit Zins und Zinseszins in Rechnung stellten, damit sie den Unterschied mitbekommen, zwischen der lebensweltlichen Nanoökonomie und den angeblichen Gesetzen der Mikro- und Makroökonomie. Auf dieser Ebene lassen sich das, was man als Ethik bezeichnen könnte, und das wirtschaftende Handeln nicht trennen. Und die Trennung beim Sprung in die wirtschaftswissenschaftlichen Kernfelder glauben zu können, die ethische Dimension hinter sich lassen zu können, ist das eigentliche Skandalon in diesen Disziplinen.

Dass ihr Ahnherr Adam Smith nicht nur „Der Wohlstand der Nationen“ verfasste und die Nationalökonomie begründete, sondern auch „Die Theorie der ethischen Gefühle“ dürfte den meisten  der Herrschaften aus der Vorbereitung auf Multiple-Choice-Prüfungen namentlich bekannt sein. Dass sie ihre Nase dort hinein gesteckt haben, kann getrost als abwegig, dass es etwa in den Vorlesungen thematisiert oder gar in die Theorie eingebaut werden könnte, als Absurdität qualifiziert werden. Ethik? Nicht unser Fach. Wir lehren Monetik. Dass die berühmte „unsichtbare Hand“ nicht nur für das Gleichgewichts des Marktes sorgen soll, sondern eben auch dafür sorgt, dass die Reichen mit den Armen teilen – nun, dass betrachten sie sicherlich eher als sentimentale Reminiszenz, die es historisch zu überwinden gilt. An dieser Stelle streckt Adams unsichtbare Hand ihren Zeigfinger aus und tippt sich damit an die unsichtbare Stirn.

Die akademisch-schloastische Produktion von „gebildeten“ Homini oeconomici geht einher mit einer mangelnden Bildung der breiten Masse. Das mag man den ökonomischen Scholastikern gar nicht einmal selbst in die Schuhe schieben, sondern muss nach der Verantwortung bei denen suchen, die die Bildungssysteme konfigurieren. Warum aber bleiben die weitesten Teile der Bevölkerung in einer Weise ungebildet und unfähig, sich mit den Zumutungen ökonomischer Weltbildung zu befassen, dass sie ihnen letztlich nur als dumme und willige Opfer begegnen, ihren „Beratungen“ hilflos ausgeliefert sind und am Ende, ohne das Warum und Woher zu verstehen, dafür zuständig sind, mit ihrem Geld die Operationen der ökonomischen Priesterschaft zu finanzieren und am Ende deren Fehlschläge aus Steuermitteln zu begleichen?

Die Digitalisierung und Verbuchgeldung führt zu einer konsequenten Aneignung der gesamten Einkommen und Vermögen des Landes auf Sparbüchern und Gehaltskonten – aber diejenigen, die dafür herangezogen werden, den Büchern Nachschub zu verschaffen, werden nicht mit dem geistigen Inventar ausgerüstet zu beurteilen, was da eigentlich passiert und was und wen sie durch die Früchte ihrer Arbeit da alimentieren und befähigen genau jene Schritte zu unternehmen, die letztlich gegen sie selbst unternommen werden. Wie sonst wäre es verstehbar, dass dreiviertel der Bevölkerung ihre Ersparnisse auf Sparbüchern anlegt, die nicht einmal die Inflationsrate ausgleichen?

Zudem – und nun wird es fundamental  – muss sich die sich selbst als Wissenschaft gerierende ökonomische Scholastik mit den Folgen ihres Handelns in der Form befassen, in der in den letzten drei Jahrzehnten auch die Natur- und Ingenieurswissenschaften zur Befassung gezwungen werden. Dass letztere in den zwei Jahrhunderten ihrer Blüte nicht nur unermessliche Bequemlichkeit und technische Innovation produzierten, sondern als „collateral damage“ auch zu etwas führten, was man im Gefolge heideggerscher Wortwahl als „Umweltzerstörung“ beschrieb, ist heute weder wegzudiskutieren, noch können sich diese Wissenschaften aus der Verantwortung stehlen, die Verursachung weiterer Schäden zu vermeiden, angerichtete Schäden wieder zu reparieren.

Und die Ökonomen? Wer zieht sich zur Verantwortung für das, was man, ebenfalls an Heidegger anlehnend, als Mitweltzerstörung beschreiben könnte? Was ist der Unterschied zwischen einer durch unzureichende Technologie verursachte Verseuchung von Landschaften durch Radioaktivität, Abgase und Abwässer im Vergleich zu einer Gesellschaftszerstörung durch die Durchökonomisierung des gesellschaftlichen Lebens? Wer wird zur Verantwortung gezogen für die Mitweltzerstörung in Griechenland und Spanien? In Italien verurteile man Wissenschaftler für die fehlerhafte (Nicht-)Vorhersage eines Erdbebens. Wer zerrt die verantwortlichen Wissenschaftler aus den ökonomischen Instituten vor den Kadi? Ihre Absolventen sind es, die an verantwortlichen Stellen in Banken, Versicherungen und Politik jene Maßnahmen zu verantworten hatten, die die besagte Mitweltzerstörung auslösten. Ihnen jenes Handeln vorzuwerfen, das sie auf den Wirtschaftsuniversitäten gelernt haben, ist so dumm, wie einem Kampfhund seien Aggressivität vorzuwerfen. Die Züchter gehören vor den Richter, nicht (nur) die Hunde. Nicht nur das Monster, sondern auch Viktor Frankenstein selbst, jener „Neue Prometheus“, den Mary Shelley im Untertitel ihres Romans erwähnte und der sich anmaßte einen Homunculus nach seinem Bilde zu schaffen, der mordend und wütend durch die Lande zieht. Die Euro-, Dollar- und Frankensteins also in die Schranken der Verantwortung.

Die Debatten der letzten Jahre zeigen die Unfähigkeit der Wirtschaftswissenschaft ja deutlich genug, jene Monster wieder unter Kontrolle zu bringen, die sie erschufen. Eifriges Gegacker in Büchern, Zeitungen oder Blogs täuscht nicht darüber hinweg, dass sie die Geister, die sie schufen, nicht einzufangen vermögen. Ja, sie sahen zumeist nicht einmal die heraufziehende Gefahr. Selbst wenn man ihnen positiv in Rechnung stellen wollte, was sie mit dem Aufbau des Wirtschafts- und Finanzsystems geleistet haben, so kommt man nicht darum herum, diese Unfähigkeit als (Selbst-)Demontage zu beschreiben. Eine Wissenschaft, die es weder vorhersieht noch verhindern oder heilen kann, dass die Auswirkungen ihrer eigenen Theoriegespinste in der Umsetzung durch diejenigen, die sie selbst ausgebildet haben, die Welt (immerhin) an den Abgrund und große Bevölkerungsgruppen ins Verderben führt, gehört zur Verantwortung gezogen. Oder einfach abgeschafft. Die Menschheit hat die meiste Zeit ohne Wirtschaftswissenschaft ganz passabel gelebt und gewirtschaftet. Das wird sie auch wieder können.

Die religiös-scholastischen Glaubenssätze der Ökonomen als eben solche zu entlarven, den Glauben als Glauben zu beschreiben und zur Ungläubigkeit, zur ökonomischen Häresie und zum bewussten mammonitischen Atheismus aufzurufen, ist die wichtigste Aufgabe der näheren Zukunft. Damit sie zu Priestern einer Sekte werden, an die keiner mehr glaubt. Sie zu Eckenstehern zu machen, die ihre „Der Schuldturm“-Schriften höchstens noch unbedarften Passanten anbiedern können. Damit es irgendwann an deiner Haustür klingelt und eine Eva der Zeugen Adams da steht und fragt: „Glauben Sie an Geld?“ Und du ihr wortlos die Tür vor der Nase zuschlagen kannst.

Das wäre doch was.