Hält die Modern Monetary Theory bei den Wirtschaftsweisen Einzug?

Eine ganz interessante Koinzidenz: Während ich mich gerade mit der sehr inspirierenden, aber in der orthodoxen Wirtzschaftswisenschaft vehement abgelehnten Modern Monetary Theory beschäftige (auf Wikipedia direkt im Artikel „Chartalism“ eingebunden), nämich mit L. Randall Wrays Buch gleichen Namens, lese ich auf Spon eine Interview mit dem Wirtschaftsweisen Peter Bofinger, der eine der zentralen Annahmen der MMT zu bestätigen scheint.

Die zentrale These der MMT: Vermögen und Schulden sind ein Nullsummenspiel zwischen dem Privatsektor (Haushalte, Unternehmen, Banken), dem Staat und dem Ausland. Die Schulden des einen sind das Vermögen des anderen. Das heißt: Es kann im Privatsektor kein Vermögen geben, wenn der Staat sich nicht verschuldet.  Die Schulden des Staates sind das Vermögen des privaten Sektors – sehr vereinfacht, da das Ausland in dieser Beziehung ausgeblendet bleibt. In Deutschland wurde diese These sehr prominent und wortmächtig von Thomas Strobel in „Ohne Schulden läuft nichts“ dargestellt. Wray bringt es auf die einfache Formel:

Domestic Private Balance + Domestic Government Balance + Foreign Balance = 0

Das läuft natürlich allem zuwieder, was rund um die „schwäbische Hausfrau“, den aktuellsten Mythos der Finanzpolitik, zu hören und zu lesen ist. Die Staatsschulden, so dieser Mythos, müssen reduziert und abgezahlt werden. Was natürlich schon historisch sehr zweifelhaft ist, da Staatsschulden nur in verschwindet geringer Fallzahl in der Vergangenheit tatsächlich „zurückgezahlt“ wurden. Hier ist tatsächlich ein fundamentaler Unterschied zu sehen zwischen dem Privatsektor (Haushalte, Firmen, Banken)

 

 

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und dem Staatssektor. Im Privatsektor müssen Schulden zurück gezahlt werden, im Staatssektor werden sie nicht zurück  gezahlt. Insbesondere in Zeiten des Fiat Money, in dem die gesamten Beträge, mit denen Staaten sich verschulden, bloßes Buchgeld sind, ist das der Fall. Banken generieren Buchgeld, das sie dem Staat zur Verfügung stellen. Im Gegenzug generiert der Staat Schuldverschreibungen, die er Banken dafür gibt und für die er Zinsen zahlt. Das Interesse der Banken ist nicht auf Rückzahlung gerichtet, sondern auf einerseits die Verzinsung, andererseits auf den Besitz von (tendenziell) Nullrisiko-Papieren, die sie als Eigenmittel und Sicherheiten verwenden können.

Staaten zahlen diese Schulden nicht zurück. Sie suchen Umschuldung oder greifen zum Schuldenschnitt, sei es als einmaliger Akt, sei es mit dem Mittel der Inflation. Würde der Staat, würden alle Staaten plötzlich ihre Schulden tilgen, von heute auf morgen etwa, würde das Banksystem in sich zusammenbrechen. Die Banken hätten keine Nullrisikopapiere mehr, die sie dringend zur Absicherung brauchen. Einen winzigen Vorgeschmack davon bekamen wir, als Papiere einzelner Länder plötzlich das Best-Rating verloren, Banken in Schwierigkeiten gerieten, weil ihre Risikoabsicherung nicht mehr vorschriftsgemäß funktionierte. Würden nun alle Staatsanleihen plötzlich verschwinden, wäre den Banken die Sicherheitsgrundlage entzogen.

Aber jenseits des Bankensektors trifft dies auch auf Privathaushalte zu. Staaten verschulden sich zwar zunächst bei Banken, zugleich – direkt oder indirekt – aber auch bei ihren Bürgern. Denn es sind die Bürger, deren private Rentenversicherung, Investmentanlagen, Sparguthaben letztlich auf Staatsanleihen aufgebaut sind. Und das macht Bofinger klar:

SPIEGEL ONLINE: Herr Bofinger, seit Beginn der Finanzkrise sind die Zinsen im Dauertief. Lebensversicherungen oder andere private Vorsorgemodelle werfen immer weniger ab. Viele Menschen in Deutschland fürchten um ihre Altervorsorge. Zu Recht?

Bofinger: Ja. Die Menschen in Deutschland suchen bevorzugt sichere Anlagen für ihre Altersvorsorge: Lebensversicherungen, Bausparverträge, Sparbriefe. Die meisten dieser Anlagen haben eins gemeinsam, sie hängen letztendlich vom Angebot sicherer Staatsanleihen ab – und dieses Angebot ist in den vergangenen Jahren dramatisch geschrumpft.(Quelle)

Bofinger konstatiert, die Deutschen würden sich „zu Tode“ sparen, sichere Anlagen für die Altersvorsorge suchen, die eben ganz zentral Staatspapiere sind. Und das Angebot an Staatspapieren (zumindest an sicheren Staatspapieren) nimmt in dem Maße ab, wie Staaten die Neuverschuldung verringern. Mit der Folge, dass die Nachfrage das Angebot weit übersteigt, was wiederum zu niedriger Verzinsung führt. Deutschland muss für neue Staatsanleihen kaum Zinsen zahlen. Das heißt: Die Staatsanleihen in den Altersvorsorgen werfen nicht die Rendite ab, die sie haben müssten, schaffen vermutlich nicht einmal mehr der Sprung über die Inflationsmarke. Und das heißt: Das Vermögen der Anleger sinkt. Genau das ist die These von Wray: Senkt der Staat seine Verschuldung, sinken die Vermögen der Bürger (sehr verknappt gesagt).

Es wäre an der Zeit, den Mythos von der schwäbischen Hausfrau endlich zu zerstören und darauf hinzuweisen, dass die Rückführung der Neuverschuldungen zu desaströsen Konsequenzen führen wird.

P.S. Einige sehr schöne und lesenswerte Ausführungen und Zusammenfassungen über die MMT sind im „Tagebuch eines interplanetarischen Botschafters“ hier zu lesen.

P.S.2: Wenn ich mir erlauben darf, mich selbst, bzw. „Schuld und Schein“ zu zitieren. Genau dieser Zusammenhang findet sich in Text auf Seite 56:

Was aber dient dann als Sicherheit? Sie werden lachen. Ein ganz besonderer Schuldner mit seinem Kredit steht für Sicherheit. Der Herr Kaiser nämlich und seine Schulden. Ein Geld, das man dem Staat verliehen hat, das ist so sicher wie einstmals Gold. Staaten können nicht pleitegehn. Das glauben Sie nicht? Das ist aber so. Jedenfalls ist das eine verbreitete Meinung. Noch. Nur der Herr Kaiser muss keinerlei Sicherheit hinterlegen für den Kredit, den man ihm gewährt. Der Kredit an Herrn Kaiser ist so sicher wie Gold. Die Staatsschuld wird jetzt zum neuen Gold. Herrn Kaisers Schulden sind das Gold dieser Zeit. Oder nicht?

 

 

11 Responses to “Hält die Modern Monetary Theory bei den Wirtschaftsweisen Einzug?”

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  1. Wilfried Müller says:

    Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch, dass Uraltes auch hierzulande von Zeit zu Zeit erwähnt werden darf. Komisch auch, dass wirtschaftspolitisch Interessantes immer in der Rubrik Feuielleton versteckt wird. Und mit der Sprache nimmt man es beim Thema Wirtschaft auch nicht so genau. Wenn ich mich brüsten würde, ich hätte im Jahr über 100 000 Euro gespart, und das bei einem Einkommen von 30 000 Euro, indem ich mir nicht den teuersten Porsche gekauft habe, dann würde man solche „Logik“ absurd finden. Im Normalfall spare ich ja nur, wenn ich nicht sämtliche Einnahmen verausgabe, sondern von diesen etwas zurücklege – doch die Politik spart, wenn sie Ausgaben und damit Aufgaben streicht, sozusagen den Porsche nicht kauft. Übrigens wie bei der sog. Schuldenbremse, die ja eigentlich auch eine Ausgaben- und Aufgabenbremse ist, welche zur falschen Zeit, also bei rückläufiger Konjunktur eingesetzt, prozyklisch und krisenverschärfend wirkt und den Schuldenstand erhöht, wie man historisch bei Japan beobachten kann, zur Zeit bei Griechenland, Spanien, England etc sehen kann. Und da gibt es noch eine lange Reihe von sprachlicher Bereinigung à la „1984“ nicht nur in der EU. Ich würde mir wünschen, dass MMT zumindest ernsthaft diskutiert wird, weil damit nämlich diese kontrapoduktive Austeritätspolitik am Pranger steht, hoffentlich auch zur Disposition. Ansonsten ein beschauliches Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr.
    Mit freundlichen Grüßen
    Wilfried Müller

    PS: Einige Anmerkungen

    Vom Primat der Politik

    Spätestens seit G. Myrdal ist allgemein bekannt, dass Wirtschaftswissenschaft keine Naturwissenschaft ist, in der unerbittliche Naturgesetze herrschen, sondern eine Sozialwissenschaft. In den Sozialwissenschaften lassen sich Interessenstandpunkte nicht vermeiden; wogegen auch nichts einzuwenden ist, sofern diese Standpunkte offengelegt werden und nicht von Fachleuten Aussagen gemacht oder Ratschläge erteilt werden im Namen wertfreier, wertneutraler Wissenschaft. Ökonomen gehen davon aus, dass Wirtschaft und Märkte nur dann funktionieren können, wenn alle wirtschaftlich relevanten Angelegenheiten rechtlich, gesetzlich geregelt sind, egal ob es dabei um Eigentum, Verträge, Wettbewerb, Arbeitsschutz, Umwelt, Kartelle oder Sonstiges geht. Und diese gesetzlichen Regelungen werden von der Politik für Wirtschaft und andere gesellschaftliche Bereiche gemacht und durchgesetzt. Das führt zu einer Selbstfesselung der Politik, denn Politik muss sich an geltendes Recht halten. Das heißt aber auch, dass diese gesetzlichen Regelungen modifiziert oder kassiert werden können oder müssen, wenn sie ihren Zweck nicht erfüllen, nicht zielführend sind. Für die Politik gibt es unter solchen Bedingungen keinen echten Sachzwang und die Berufung darauf kann nur als Ausrede gelten, als Flucht aus der Verantwortung, ob es dabei um Globalisierung, Deregulierung, Schuldenbremsen, fehlende staatliche Finanzmittel, Unabhängigkeit der Zentralbank (ohne gesamtwirtschaftliche Verantwortung), hohe Arbeitslosigkeit usw. geht. Das Primat der Politik und damit der Verantwortung ist in jedem Fall gegeben, mag es auch nicht immer verantwortungsvoll im Interesse der Allgemeinheit oder der Nachhaltigkeit wahrgenommen werden. Und die Politik kann nicht aus dieser Verantwortung entlassen werden, müssen doch die gesetzlichen Regelungen erlassen und durchgesetzt werden. Insofern ist nicht nachzuvollziehen, wie seitens des Neoliberalismus ein Zurückdrängen des Staates, eine Nichteinmischung in die Wirtschaft gefordert werden kann, gar eine Schrumpfung oder Abschaffung des Staates. Es ist sicher einleuchtend, dass die Politik nicht über bessere Sachkenntnis verfügt als die Fachleute in der Wirtschaft, dass der Staat auch nicht mit höherer Weisheit gesegnet ist, aber: indem er für Wirtschaft und Gesellschaft gesetzliche Regelungen schafft, reduziert der Staat für alle Betroffenen die Komplexität, reduziert er ihren Handlungsspielraum, so dass sie in einer besser überschaubaren Welt bessere, eher rationale Entscheidungen treffen können (Ausführungen dazu bei Herbert Simon in seiner Theorie der beschränkten Rationalität).
    Vielleicht ist es nach mehr als 15 Jahren an der Zeit, um den Ausspruch von Tietmeyer auf dem Weltwirtschaftsforum 1996 in Davos zu korrigieren, der die dort versammelten Staatschefs belehrte: „Von nun an stehen Sie unter der Kontrolle der Finanzmärkte.“ Es ist an der Zeit, endlich mal richtig zu stellen: Die Politik trägt die Verantwortung, sie schafft die gesetzlichen Rahmenbedingungen, damit Wirtschaft und Gesellschaft überhaupt funktionieren können, sie hat das Geld- und Währungsmonopol, sie bestimmt, wo es lang geht, und Politik darf und kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen.

    Was Politik kann, wenn sie will und darf

    Die folgende Geschichte kann real sein, wenn die Politik dafür die Voraussetzungen schaffen wollte: Die Zentralbank richtet bei der zuständigen Sparkasse für eine Gemeinde ein Konto ein und stattet dieses mit einem ansehnlichen Betrag aus, über den die Gemeinde verfügen kann. Die Gemeinde vergibt Aufträge an Firmen und Handwerker vor Ort, stellt auch Personal ein, was sie zuvor mangels finanzieller Mittel nicht tun konnte . Wahrscheinlich belebt sich die Wirtschaft im Ort, geht die Zahl der Arbeitslosen zurück, steigen die Umsätze der Geschäfte, ebenso die Steuereinnahmen, vergibt die Sparkasse Kredite an Firmen, die nun dank öffentlicher Aufträge kreditwürdig geworden sind.
    Und das alles nur, weil die Zentralbank das getan hat, was ihre Aufgabe ist, nämlich das für Transaktionen benötigte Geld in die Wirtschaft zu schleusen, dieses Mal allerdings auf direktem Weg und nicht auf dem teuren Umweg über den Bankensektor. In diesem Zusammenhang ist es übrigens erstaunlich, warum diese übliche Subventionierung des Finanzsektors bei gleichzeitiger staatlicher Verschuldung (Bank leiht sich bei der Zentralbank Geld zu 1% Zinsen und kauft mit diesem Geld Staatspapiere, die 3% oder mehr an Zinsen bringen) nicht lautstark als Verschwendung angeprangert wird, vor allem vom Bund der Steuerzahler, denn es geht ja nicht um Kleckerbeträge. – Aber die Geschichte geht weiter. Die Sparkasse erhält den ihr zustehenden Betrag als Kontoführungsgebühr, dann ist das Konto leer und wird geschlossen. Eine neue Runde kann beginnen. Die Zentralbank streicht die fiktiven Schulden der Gemeinde aus ihren Büchern (bereits F. Soddy nannte die nie rückzahlbaren „Staatsschulden“ virtuell). Die Fachleute für Geld und Finanzen mögen darüber nachgrübeln, wohin sich diese virtuellen Schulden der Gemeinde wohl verflüchtigt haben: haben sie zu einer Wertsteigerung des öffentlichen Vermögens geführt oder sind sie zu einer Vermögensmehrung im Privatsektor (Firmen und Haushalte) geronnen, oder trifft wegen der Symmetrie in der Buchhaltung beides zu?
    In diesem Zusammenhang ist es anscheinend auch notwendig, darauf hinzuweisen, dass den Geldschulden allein von der Logik her, immer Geldvermögen in gleicher Höhe entsprechen (wie immer das auch abgegrenzt wird). Wenn also die staatlichen Schuldverschreibungen von Inländern gehalten werden, dann belasten sie nicht die nachfolgenden Generationen, dann werden sie vielmehr an diese vererbt und stellen eine Vermögensübertragung von einer zur jeweils nächsten Generation dar. Betrachtet man die jeweiligen Sektoren einer Volkswirtschaft, dann kann man zwischen Staat, Privatsektor (Haushalte und Unternehmen) sowie Ausland unterscheiden. Die Überschüsse bzw. Defizite dieser Sektoren addieren sich per def. immer zu Null. Bei außenwirtschaftlichem Gleichgewicht, das auf Dauer und im Mittel jedenfalls der Normalfall sein sollte, heißt das, dass die Ersparnisse des Privatsektors dem Defizit des Staates entsprechen, dass auf der anderen Seite jedoch Überschüsse im Staatshaushalt definitionsgemäß Defizite im Privatsektor (Firmen und Haushalte) bedeuten, d. h. Entsparen oder Vermögensabbau im Privatsektor.
    Wenn man Geld für ein öffentliches Gut oder für ein Gemeinschaftsgut hält, das dem Wohl der Allgemeinheit zu dienen hat und nicht der privaten Bereicherung, dann wird man früher oder später bei der staatlichen Theorie des Geldes landen; diese wurde bereits vor 100 Jahren in Deutschland gelehrt, und nach dieser Theorie hat das fiat money keinen eigenen Wert, wird aus dem Nichts geschöpft. Dieser Ansatz der Chartalisten wurde von Modern Monetary Theory unter Berücksichtigung der Einsichten von Keynes, Lerner, Minsky u.a. weiterentwickelt und ergänzt um das Konzept von Jobgarantie und Vollbeschäftigung. Hierzulande werden die Beiträge von Autoren wie B. Mitchell, R. Wray, W. Mosler, S. Kelton, P. Tcherneva, J. Galbraith u.a. nicht zur Kenntnis genommen, geschweige denn ernsthaft diskutiert; man kennt auch nicht die in den USA geführte Auseinandersetzung zwischen deficit hawks, doves und owls: eigentlich seltsam angesichts der seit Jahren andauernden Banken- und Finanzkrise und der bislang vergeblichen Therapiebemühungen von Mainstreamökonomen. – Sicher bietet MMT kein allgemeingültiges Rezept zur Lösung der anstehenden Wirtschaftsprobleme; doch wenn es stimmt, dass der souveräne Staat (als Schöpfer von Geld) keine Beschränkung bei der Finanzierung seiner Aufgaben kennt, dann ist MMT zumindest ein wichtiger Baustein bei der Lösung von Wirtschaftsproblemen. – Doch das Zögern der Fachleute ist ja verständlich: Anregungen zum eigenverantwortlichen Nachdenken könnten ja das eigene Weltbild verändern oder gar zum Einsturz bringen, wenn die sorgsam gepflegten Vorstellungen mit der Wirklichkeit kollidieren.

    Macroeconomic Balance Sheet Visualizer
    How the Economy Works – A Visual Tutorial

  2. admin says:

    LIeber Herr Müller,
    vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar, dem ich nur voll zustimmen kann. Mit einer kleinen Einschränkung. SIe schreiben:
    „Spä­tes­tens seit G. Myr­dal ist all­ge­mein bekannt, dass Wirt­schafts­wis­sen­schaft keine Natur­wis­sen­schaft ist, in der uner­bitt­li­che Natur­ge­setze herr­schen, son­dern eine Sozi­al­wis­sen­schaft.“
    Ich fürchte, der größte Teil der Vertreter der Ökonomie würde brüsk von sich weisen, dass Wirtschaftswissenschaft Sozialwissenschaft ist. Vermutlich gehört des zu den Grunddefekten dieser Disziplin, dass das zurückgewiesen wird und man dort glaubt, wirtschaftliche Zusammenhänge außerhalb sozialer bzw. gesellschaftlicher Zusammenhänge behandeln zu können. Selbst jetzt ist ja der Trick der Ökonomen, die Verantwortung für die Verwerfungen der letzten Jahre und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen nicht etwa direkt auf die eigenen Lehren zurück zu führen, sondern in das moderne Politik-Bashing einzustimmen und die „Schuld“ für die Situation bei der staatlichen Politik und ihrer „Verschuldung“ oder dem „Leben über die Verhältnisse“ zu suchen. Das ist bequem. Und man kann sich einigermaßen sicher sein, dass die veröffentlichte Meinung weitestgehend in diesen Chor mit einstimmt, da Journalisten (ebensowenig wie ich, versteht sich) nicht befähigt sind, mit Ökonomen innerhalb des ökonomischen Diskurses auf Augenhöhe zu debattieren (was ja schon immer die Strategie der Scholastiker war). Und die Erklärung, dass die Politik an allem schuld ist, ist dann viel greifbarer. Das allerdings ist eine Erzählung, die als Erzählung sichtbar dann wird, wenn sie auf eine alternative Erzählung trifft.
    Dass die MMT die alleinseeligmachende Sichtwiese ist, glaube ich auch nicht. Aber als diskursives Korrektiv, als „andere Erzählung“ verdiente sie, in der Debatte ernster genommen zu werden. Wenn nicht in der ökonomischen Scholastik, dann halt im Feuilleton oder auf der Bühne.
    Beste Grüße
    Ulf Schmidt

  3. Stephan says:

    Zunächst einmal freue ich mich natürlich, dass sich auch Deutschland mit MMT zu beschäftigen beginnt. Dafür schon mal vielen Dank! Trotzdem ist in ihrem Beitrag einiges schiefgelaufen. Zum Beispiel: Geschäftsbanken schaffen kein Giralgeld um Staatsanleihen zu kaufen. Geschäftsbanken haben ein Konto bei ihrer Zentralbank. Über dieses Konto werden die tagtäglich anfallenden Bankgeschäfte abgewickelt. Die Abwicklung unter den Geschäftsbanken erfolgt über sogenanntes Zentralbankgeld = Base Money = Reserves.

    Mit diesem Zentralbankgeld kaufen die Geschäftsbanken auch Staatsanleihen. Die Reihenfolge sieht so aus: Der Staat kommt seinen Zahlungsverpflichtungen nach und überweist zum Beispiel Rentner XYZ seine Pension. Dieses Geld erscheint bei XYZ auf seinem Bankkonto. Für die Geschäftsbank ist das eine Verbindlichkeit. Auf dem Konto der Geschäftsbank bei der Zentralbank tauchen im Gegenzug als Guthaben Reserves auf. Mit diesem Zentralbankgeld kann die Geschäftsbank dann Anleihen kaufen.

    • admin says:

      Danke für den Kommentar, jede Richtigstellung ist jederzeit willkommen. Ob aus der Tatsache, dass ich mich ein wenig damit beschäftige, abzuleiten ist, dass Deutschland sich damit beschäftigt … nunja, ich würde sagen: überschätzen Sie mich und dieses Blog nicht.
      Zu Ihrer Richtigstellung: Der Unterschied zwischen Zentralbankgeld und Bankgeld scheint mir ein rein theoretischer in dem Maße, wie beide dieselbe Währung haben. Historisch wohl abgeleitet aus dem Unterschied zwischen Goldreserve und Umlaufgeld/Papiergeld. Heute aber nur noch eine fiktive Unterscheidung, oder?
      Im Gegensatz dazu erscheint die Staatsanleihe viel eher als die „Deckung“ oder zweite Geldform. Villeicht schief im historischen Vergleich, für mich aber einleuchtender als die andere Unterscheidung.

  4. Stephan says:

    @Admin
    Das ist auch falsch. Reserves (also Zentralbankgeld) kommen nie im Umlauf. Reserves sind eine Unit of Account, die ausschliesslich für das Settlement im Interbanken-Markt verwendet werden. Giralgeld kommt dagegen im Umlauf, da sie ja einen Kredit nicht aufnehmen um das Geld nicht für irgendetwas zu verwenden? Und Staatsanleihen sind auch keine „Deckung“. FIAT Geld ist nicht gedeckt. Das ist ja das Schöne an einer FIAT Währung.

  5. Ulf Schmidt says:

    Was heißt denn „Umlauf“ noch, wenn alle Geldformen digitalisiert vorliegen? Es gibt zwei Geld“kreisläufe“, der eine als Interbankenkreislauf mit Zentralbankbeteiligung, das andere ein „Privatkunden“kreislauf. Alles in den „selben“ Währungen. Könnten Privatkunden an das Zentralbankensystem angeschlossen werden? Ja. Warum auch nicht.
    Die „Deckung“ wird selbstverständlich wieder eingeschleift an der Stelle, wo die Aktivitäten der Banken durch Eigenmittel gedeckt sein müssen bzw. Absicherungen vorweisen müssen, die z.B. in Staatsanleihen vorliegen. Richtig?
    Gäbe es diese Klauseln nicht, wäre die Summe des FIAT-Geldes völlig unendlich. So aber wird durch Bilanzrecht versucht, eine Pseudo-Deckung durch Sicherheiten einzuführen.

  6. Stephan says:

    OK. Ich gebe auf. Sie haben keine Ahnung wovon sie eigentlich reden ;~)

    • Ulf Schmidt says:

      Das Interessante an Diskussionen mit Wirtschaftswissenschaftlern pflegt tatsächlich zu sein, dass die Überprüfung der scholastischen Weihen wichtiger ist, als die sachliche Auseinandersetzung.

      Ich schätze und respektiere Ihre intellektuelle Brillianz und Fachkenntnis. Ohne jede Einschränkung. Ebenso die vermutlich nicht ganz so ausgeprägte Brillianz und Fachkenntnis der ökonomischen Groß- und Kleinmeister der wiwi-Fakultäten weltweit. Trotz aller Befähigung hat diese uns nicht davor bewahrt, heute mit einem Wirtschafts- und Finanzsystem konfrontiert zu sein, das uns in den letzten etwa 5 Jahren – nunja, nicht an den Abgrund geführt hat. Es hat ein wenig gehüstelt. Und dieses Hüsteln hat bereits Millionen Menschen in Südeuropa und den USA (um andere Teile der Welt einmal auszulassen) das soziale Leben gekostet. Das war nicht der Abgrund. Wir haben nicht einmal hineingesehen in den Abgrund. Wir erahnen höchstens die Kante des Abgrunds.
      Und machen weiter wie zuvor, da wir noch einmal davon gekommen sind. Ich betrachte die ökonomische Wissenschaft (nicht etwa die bösen Banker oder die doofen Politiker) für die Quelle der größten Bedrohung der Menschheit im 21. Jahrhundert. Sie mag diesen ersten Platz teilen mit der globalen Erwärmung. Die Atomkraft hat sie jedenfalls überholt, wobei letztere eine recht gute Vergleichsgröße darstellt. Vergleichen wir kurz Äpfel mit Birnen, Fukushima mit der sogenannten Weltfinanzkrise. Vergleichen wir die Folgen für die Menschen und die Welt. Hier einige hunderte oder tausende Tote (ohne den Tsunami) einige verstrahlte Quadratkilometer. Eine Katastrophe, die wir in allen Bildern im Fernsehen erleben durften. Dagegen die Finanzkrise: Ganze Länder sind dabei (zumindest für die jüngere Generation) unbewohnbar zu werden, unbezahlbar weil ohne Job. Die sozial schwachen Schichten der Bevölkerung werden weiter ausgeplündert (man nennt es Sozialkürzungen – weil man ja sparen muss, um weitere Krisen zu verhindern).
      Was war die Folge von Fukushima? Zumindest die deutsche Regierung hat eingesehen, dass Atomkraft keine beherrschbare Technik ist und stieg aus der Atomwirtschaft aus. Gegenfrage: Ist das Finanzsystem, ist die Finanzindustrie „beherrschbar“. Hat nicht der erste Geldkrieg, der in den letzten Jahren zwischen Regierungen und Zentralbanken einerseits, „den Märkten“ andererseits getobt hat, gezeigt, dass das System nicht beherrschbar sein KANN? Was ist also die Konsequenz? Und was wäre ein Ausstieg?
      Es sei Ihnen zugestanden, mich für einen vorweihnachtlich derangierten Spinner zu halten. Ich jedenfalls vermisse die Verantwortungsübernahme der Wirtschaftswissenschaft als Ganzes für die Situation, die in den letzten Jahren eingetreten ist, in der sich Griechenland noch befindet und für den Abgrund, der noch immer existiert. Ob wir ihn je sehen werden? Weiß man nicht, auch wenn ich mir recht sicher bin.
      Wenn die geballte Brillianz und Fachkenntnis der Wirtschaftswissenschaft aber nicht hinreicht, ein Wirtschafts- und/oder Finanzsystem zu bauen, das derartige „Unfälle“ ausschließt – wozu sie noch betreiben oder fördern? Warum nicht die Verantwortlichen aus den ökonomischen Fakultäten vor Gericht stellen?
      Sie werden jetzt fragen: Was hat das mit der Diskussion zu tun. Meine Antwort: Sie haben recht, dass ich vergleichsweise wenig von der „wissenschaftlichen“ Ökonomie verstehe. Schützt mich das davor, für die Folgen in Regress genommen zu werden, die ihre „Fehler“ verursacht haben? Nein. Dann erlaube ich mir trotz mangelnden Sachverstands auch an der Debatte teilzunehmen.

  7. Fritz says:

    So bloß rhetorisch kann man nicht auf bankfachliche Einwände antworten: „Trotz aller Befä­hi­gung hat diese (Befähigung) uns nicht davor bewahrt, heute mit einem Wirt­schafts– und Finanz­sys­tem kon­fron­tiert zu sein, das uns in den letz­ten etwa 5 Jah­ren – nunja, nicht an den Abgrund geführt hat.“
    Ganz steile These: „Ich betrachte die ökono­mi­sche Wis­sen­schaft (nicht etwa die bösen Ban­ker oder die doo­fen Poli­ti­ker) für die Quelle der größ­ten Bedro­hung der Mensch­heit im 21. Jahr­hun­dert.“ Abgesehen davon, dass es DIE ökonomische Wissenschaft ja nicht gibt, kann man eben nicht die Politiker damit nicht entlasten. Die Warnungen hat es reichlich gegeben. Von vielen Seiten, sowohl von Banken als auch von Kolumnisten als auch von Wissenschaftlern. Der politische Wille, eng verzahnt mit dem Willen der allgemeinen Öffentlichkeit und übrigens einschließlich der Wünsche und des Wollens der kulturellen Sphäre, hat sich im eigenen Interesse (man will ja gewählt werden) darüber hinweggesetzt.
    Es ist eine weit verbreitete Legende, dass es in dem großen Geldtheater irgendjemanden gäbe, der unschuldig wäre. Einige haben mehr profitiert, andere weniger und dritte geradezu persönlich räuberisch, aber die Hand haben alle aufgehalten, um ihren Teil von den künftig abzuzahlenden Krediten heute verkonsumieren zu können.
    Ich habe große Vorbehalte vor allem, was in der Krisendebatte überladen ist mit Sentiment. Danach riecht es hier schrecklich: „Warum nicht die Ver­ant­wort­li­chen aus den ökono­mi­schen Fakul­tä­ten vor Gericht stel­len?“ Da ist in einem kurzen Satz das drin, was ich sonst nur in den Alte-Männer-Kommentaren bei der „Welt“ lese. „Wenn die geballte Bril­li­anz und Fach­kennt­nis der Wirt­schafts­wis­sen­schaft aber nicht hin­reicht, ein Wirt­schafts– und/​oder Finanz­sys­tem zu bauen, das derartige ‚Unfälle‘ ausschließt“, muss man ja zunächst mal feststellen, dass die Ökonomen ja nie die Architekten waren – die Grundrisse sind politisch verhandelt worden und das ist auch heute so. Und dabei stehen in Athen, Madrid und Paris wieder die Menschen auf der Straße und fordern vom Staat, er solle Arbeitsplätze schaffen. Wie gesagt: Ich habe noch niemanden gefunden, der an dem von dir in Frage gestellten Finanzsystem nicht partizipiert hat und weiterhin partizipieren möchte. Der Abgrund – das ist ja das Deleveraging. Du scheinst vor dem Abgrund zu warnen, den du geradezu politisch forderst. Und wenn einer über die Möglichkeit von Balance nachdenkt, willst du ihn vor Gericht stellen.
    Ich fand da Meyers Weltwirtschaft einsichtsvoller: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/mayers-weltwirtschaft/mayers-weltwirtschaft-lasst-bankpleiten-zu-12002751.html

    • Ulf Schmidt says:

      „Ich habe große Vor­be­halte vor allem, was in der Kri­sen­de­batte über­la­den ist mit Sen­ti­ment. Danach riecht es hier schreck­lich“
      Fritz, man sollte nicht mit der Nase lesen, sondern mit Augen und Hirn. Zumal, wenn man sich gegen Sentiment verwehren will. Das beiseite. Wenn nicht mich, so hältst du vielleicht Hyman Minsky für satisfaktions- und olfaktionsfähig:
      „Wenn Ökonomie nur ein abstraktes Spiel wäre, mit dem sich einige wenige einigermaßen mathematisch Begabte beschäftigen, könnte man diese Ignoranz gegenüber der sichtbaren Wirklichkeit als kleines Ärgernis abtun. Aber die jeweils etablierte Wirtschaftstheorie ist nun einmal das Tor zur Wirtschaftspoltik der jeweiligen Epoche. An den ins Trudeln geratenen kapitalistischen Volkswirtschaften der siebziger Jahre lässt sich aufzeigen, wie sachfremd der theoretische Rahmen ist, auf den sich Wirtschaftsexperten stützen, wenn sie das politische Führungspersonal beraten und unterweisen. Die Malaise der kapitalistischen Wirtschaften ist zum Teil iatrogen – die Krankheit des Patienten wurde von Ärzten ausgelöst.
      Die etablierte Ökonomie ist unzulänglich, weil sie entscheidende Tatsachen ignoriert und wichtige Beobachtungen nicht zu erklären vermag. Sie muss deshalb abgelöst werden. (Die Hypothese der finanziellen Instabilität, 22)
      Dass Minsky es als Ökonom schrieb, der danach weiter Ökonomie betrieb, der also glaubte, eine Reformationsbewegung würde die notwendigen Korrekturen an der katholischen Orthodoxie der ökonomischen Scholastik durchführen können, ist bedauerlich. Hätte er die zitierten Ansätze weiter verfolgt, hätte er vermutlich zu der Einsicht gelangen müssen, dass die beschriebenen Mängel systemimmanent sind und nicht reformierbar.

      „dass die Ökonomen ja nie Architekten waren“ – nicht? Marx war kein Architekt? Keynes war kein Architekt?

  8. Ulf Schmidt says:

    Und noch einen Nachtrag:
    „Ich habe noch nie­man­den gefun­den, der an dem von dir in Frage gestell­ten Finanz­sys­tem nicht par­ti­zi­piert hat und wei­ter­hin par­ti­zi­pie­ren möchte.“

    Ich habe noch niemanden gefunden, der nicht gerne einmal im Sonnenschein mit einem Lamborghini mit 250 Sachen über die Autobahn brettern würde. Wenn aber festzustellen ist, dass solches Fahrverhalten die Zahl tödlicher Unfälle unmäßig ansteigen lässt, ist die Politik aufgefordert, Geschwindigkeitsbegrenzungen einzuführen. Und wenn ich beim Brettern feststelle, dass meine Bretterei dazu führt, dass auf den Standstreifen ein Großteil der Bevölkerung nur Handwägelchen ziehen kann, dann vergeht mir die Lust am Brettern. Ich für meinen Teil komm mit meinem Fiat 500 auch ganz passabel ans Ziel. Schiebs auf Weihnachten, dass das so ist. Und dass mir grad so nach Gleichnissen ist, ebenfalls.

    Dein „Wer von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“ setze ich auch auf das Weihnachtskonto und stimme dir völlig zu. Aber was folgt daraus?

    Und übrigens zum Thema Sentiment und Gefühligkeit: Vergessen wir mal nicht, dass Urökonom Adam Smith nicht nur An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations sondern auch The Theory of Moral Sentiments geschrieben hat. Dummerweise hat er zwei Bücher daraus gemacht. Interessanterweise kommt auch in letzterem Werke die berühmte „invisble Hand“ zu ihrem AUftritt. Weißt du, was sie tut? Sie lässt die Wohlhabenden ihren Reichtum mit den Armen teilen (Wikipedia hier)

    Vielleicht wäre der Ökonomie geholfen, würde sie beide Smith-Bücher zusammen lesen und denken …?