Schulden und der Mythos der Überschuldung

Der Glaube, dass (Staats)schulden zurückgezahlt werden können oder müssen, ist irre. Er ist das Relikt vergangener Zeiten, da Geld – wie Kurt Singer sagen würde – noch „hylomorph“ war. Das heißt, als Geld aus etwas bestand, dass tatsächlich einen tendenziell warenartigen Zustand und eine physische Erscheinung hatte. Es geht um Metallgeld wie etwa geprägte Gold-, Silber-, Kupfer usw. Münzen. Leiht man so ein Geldstück jemandem andern, fehlt es dem Verleihenden. Die betreffende physische Einheit des Geldstückes ist erst hier, dann da und muss am Ende wieder hier sein, andernfalls verliert der Gläubiger etwas. (Lassen wir dabei den materiellen Eigenwert, also den Kaufwert, den eine bestimmte Menge der Materie Gold oder Silber etwa auf Rohstoffmärkten, im Verhältnis zu seinem Geldwert, der nicht gleich dem Materialwert sein muss, außen vor).

Diesen Glauben kann man sich so lange weiter zu pflegen leisten, wie Papiergeld, als die moderne Erscheinungsform des Wertes, noch garantiert in ein Metall umgewandelt werden konnte, bzw. der Staat oder die Staatsbank sich verpflichteten, gegen Einlieferung einer Banknote eine bestimmte Menge Goldes herauszugeben. Auch wenn die Menge des Papiergeldes zumeist recht bald höher war, als die Golddeckung eigentlich rechtfertigte, die Einlösbarkeit als zweifelhaft wurde, kann dennoch die Annahme, der Gläubiger verliere etwas (nämlich die Möglichkeit zum Erhalt des besagten Goldbetrages), noch mit einiger Überzeugung Aufrecht erhalten werden.

Das aber endet allerspätestens dann, wenn die Konvertierbarkeit in ein physisch-warenförmiges Gut aufgehoben ist, wie es

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nicht zum ersten, aber vorerst zum letzten Mal 1971 durch den sogenannten Nixon-Shock geschah. In seiner Fernsehansprache verkündet er, dass die USA diese Unwandelbarkeit aufheben. Ohne sich nun auf die Hintergründe einlassen zu wollen, lassen sich die Folgen sehen.

Bereits seit Langem arbeiteten Banken mit einer weiteren Form des Geldes, dem Buch- oder Giralgeld. Das ist nichts anderes als die Buchhaltung der Bank, die verzeichnet, welche Einlagen ihr abgeliefert worden (d.h. Zahlungsverpflichtungen der Bank gegenüber Sparern), und welche Kredite gewährt wurden (Forderungen an Kreditnehmer der Bank). Plus dies oder jenes andere, wie etwa Eigenmittel. Da das Bankgeschäft aber zu langweilig wird, verleiht man nur die Einlagen und Eigenmittel, hat dieses Giralgeld eine weitere Eigenart: Es kann aus der Luft erzeugt werden. Das heißt: Die Bank gewährt einem Kreditnehmer einen Kredit mit Geld, dass sie erst durch den Akt der Kreditvergabe erschafft, indem sie es in die Bücher einträgt. Das Geld „existiert“ nicht – es sei denn als die Kreditnote, die der Schuldner erhält. Das ist der Hebel: Er hebelt die gesamten Einlagen und Eigenmittel der Bank auf ein Mehrfaches durch Kreditvergabe. Natürlich entspricht diesem Geld weder eine physische Goldmenge (auch wenn der Kreditnehmer natürlich Gold kaufen könnte damit), noch auch ein von der Notenbank herausgegebenes Papiergeld. Dennoch bekommt der Bankkunde Papiergeld ausgezahlt. Was nur funktioniert, wenn und solange nicht soviele Sparer und Kreditnehmer ihr Buchgeld in Bargeld ausgezahlt bekommen wollen, dass die physisch vorhandenen Noten dafür nicht mehr ausreichen (zu Beginn des WK I erschuf das Kaiserreich in einer solchen Situation spezielle neue Banknoten, das „Notgeld“, das keine andere Funktion hatte, als den Kunden, die zu den Banken liefen, irgendwas Physisches in die Hand geben zu können).

Die Bank gibt also physisch nichts ab, wenn die Geld verleiht. Es ist nicht mehr das Goldstück, das sie nicht mehr hat, sondern der Kreditnehmer. Die Bank erschafft Geld „aus der Luft“ (Fiat Money“), verlangt dafür Zinsen (ihr realer Profit) – und streicht den Betrag wieder aus ihren Büchern, wenn der Kredit zurück gezahlt wurde. Tendenziell Real daran, oder jedenfalls tendenziell bleibend, sind nur die Zinsen (und die Bankgebühren). Dabei ist der Zeitpunkt der Streichung aus den Büchern übrigens völlig egal. Striche die Bank den Kreditbetrag vorzeitig, weil der Schuldner zahlungsunfähig ist, verliert sie genau das, was sie zuvor hatte und verliehen hat: Nichts. Luft. Fiatmoney. Vorzeitige Auflösung des Kredits bedeutet lediglich Verzicht auf ausstehende Zinsen. Sonst nichts.

Deswegen ist der Glaube, Staaten müssten ihre Schulden zurückzahlen, irrsinnig. Warum sollten sie? Platzt der Kredit, bereinigen Banken ihre Bilanzen (ja, Bilanzregeln sorgen dafür, dass Banken dann in Schieflage kommen – die kann man aber übrigens ändern, die Bilanzregeln) um die verliehene Summe. Sie bekommen die erhofften Zinsen nicht mehr. Schade. Geschäftsrisiko.

Und es ist nicht einmal im Interesse der Banken, dass Staaten sich nicht „überschulden“. Da Staaten nicht pleitegehen können (sie machen das Notenbankgeld letztlich selbst, mit dem sie ihre Schulden begleichen – das aber ist selbst auch wieder Fiatmoney, das ebenso wenig ein reales Vermögen schaffen könnte), sind sie sichere Häfen für Geldanlagen und für kontinuierliche Zinseinnahmen.

Das Buchgeld ist die historische Vorform jenes Geldes, auf das wir zusteuern und dessen Folgen sich in einer ganz anderen Industrie ablesen lassen: In der Musikindustrie. Das hatte ich in Postdramatiker-Postings über die Digitalökonomie (z.B. hier und hier) dargestellt.

Das Problem der Musikindustrie in der Digitalökonomie liegt darin, dass ihre Ware nicht mehr warenförmig und physisch, damit als Eigentum besitzbar und mit phyischen Eigenschaften ausgestattet vorliegt. Eine Musikdatei im Netz ist etwas anderes als eine Schallplatte. Die Schallplatte ist entweder hier bei mir (Hersteller, Händler) oder dort (Käufer oder anderer Empfänger der Ware). Sie kann Gegenstand des Besitz- und Eigentumsrechtes sein. Die Musikdatei nicht. Die Musikdatei kann zugleich hier (mein Rechner) und dort (dein Rechner, Downloadplattform, Festplatte, USB-Stick …) sein. Es ist dieselbe und nicht dieselbe Datei. Es ist dieselbe, weil sie hier wie da die identische Musik spielt und du sie mir geschickt hast. Es ist nicht dieselbe, weil eine Datei keine Identität hat. Sie ist keine physische Ware, sondern höchstens eine bestimmte informationelle Gestalt bestimmter elektronischer Ladungsverhältnisse. Weitere Ausführungen spare ich mir hier, mehr davon auf dem oben verlinkten Blogartikel.

Das Digitalgeld verhält sich ebenso. Es ist zugleich irgendwo und nirgendwo. Es ist zwar als Buchungsbetrag auf 1. einem bestimmten Konto bei 2. Einer bestimmten Bank in 3. Einem bestimmten Land. Es ist aber zugleich Nichts. Und als Nichts kann es nicht irgendwo sein. Es ist ein Nichts, das durch den Buchungsakt aus dem Nichts entsteht und irgendwann wieder ins Nichts verschwindet (allerdings verschwindet zu wenig ins Nichts, das führet zum aktuellen lawinenartigen Anwachsen der sogenannten Geldmenge weltweit – obwohl viele Banken fleißig an der Geldvernichtung arbeiten). Es sind Zahlenkolonnen (das ist ihre menschlich wahrnehmbare Erscheinungsform), die in einem unablässigen Zirkulationsprozess bei den Banken Kontenstände erhöhen oder verringern.

Da die Banken aber die Datenbanken sind, auf denen das gesamte Geld (tendenziell und zukünftig) der Welt sich befindet (wenn die physischen Restbestände endgültig abgeschafft sein werden), lässt sich auch leicht absehen, was die Hebelung anrichtet, mit denen die Banken durch Zinsen Profit machen. Der veraltete gesamte Geldbestand der Welt wird durch Hebelung ver-zigfacht. Und wird damit zum neuen Geldbestand der Welt … der wiederum zum Gegenstand der Hebelung wird.

Banken sollten froh sein, wenn durch Staatsinsolvenzen wenigstens ein wenig dieses Geldes wieder aus den Büchern bzw. Datenbanken verschwindet.  Aber Rückzahlung? Was ein Quatsch.

Die berühmt-berüchtigten Schattenbanken, Structured Investment Vehicles und sogenannten Hedgefonds haben das kapiert. Oder woher sollen die sonst Milliarden- und Billionenbeträge haben, mit denen sie die Welt in den Abgrund spekulieren.  Hedgefonds sind nichts anderes als Portale wie Napster, kino.to, Megaupload oder Torrent-Netze. Anders herum gesagt: Letzte Plattformen zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Hebel, den klassisch-physische Musikvertreiber (man nennt ihn üblicherweise „Auflage) ansetzen, ins unermessliche Steigern. Aus einem Eigenmittel von einer Datei lassen sich unendlich viele Dateien „hebeln“. Kapiert?

Der einzige Unterschied zwischen beiden: Banken haben das Hebeln monopolisiert, die Musikindustrie ist daran gescheitert. Niemand schafft es, ohne Bankenlizenz zu hebeln (außer Hedgefonds). Aber jeder könnte. Es wäre kein Problem, wenn jeder Nutzer von Online-Banking sich selbst unbegrenzt sein Vermögen schaffte. Einfach die Zahl für den gewünschten Kontostand eintragen. Fertig. Geforderte Einlage: Ein Euro. So könnte sich jedermann sein eigenes Geld „downloaden“ und „sharen“.

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