Zum Stück: Gold gegen Papier – Warum der Text beginnt wie er beginnt

Dass das Stück so beginnt, wie es beginnt, ist kein Zufall. Es beginnt eben nicht mit der mythischen Erzählung, die sich bis heute in den meisten Erwägungen zum Geld in den ökonomischen Lehren findet: Das Geld sei eingeführt und erfunden worden, um den Warentausch zu vereinfachen, zu ermöglichen und zeitlich asymmetrisch zu gestalten. Um also etwa heute ein Schwein zu bekommen und übermorgen dafür eine Wurzelbürste zu geben, sei es nötig

  1. Schwein und Wurzelbürste vergleichen zu können
  2. Die Wertunterschiede beider ausgleichen zu können
  3. Den Bedarfsunterschied (ich will zwar das Schwein, der Schweinezüchter aber keine Wurzelbürste) auszugleichen oder zu umgehen
  4. Eine Wertaufbewahrung zu finden, die unterschiedliche Bedarfszeitpunkte überbrückt
  5. Und außerdem etwas, das die Möglichkeit hat, Wert aufzuspeichern

Von einigen Außenseitern ist dieser Mythos bereits seit längerem angegriffen worden. Und zwar zurecht. Aus zwei Gründen:

Die historische Forschung hat keine Belege darauf gefunden, dass es Tauschwirtschaften gab bevor es Geld gab (dazu Graeber, Schulden, Kap 2). Man hat nicht „ökonomisch“ getauscht. Und das lässt sich sogar theoretisch begründen, wie sich bei Kurt Singer lesen lässt. Er führte 1920 in „Das Geld als Zeichen“ aus, dass Geld nicht in einer Tauschwirtschaft erfunden werden kann, da es sich selbst voraussetzen muss, um erfunden werden zu können. Das heißt: Um Wurzelbürste und Schwein gegeneinander

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zu tauschen, braucht es einen Begriff von Wert, der jeweils beiden Waren zugemessen wird. Aber wie soll ein Wert bemessen werden, wenn es keinen Wertmaßstab gibt, der das Geld ist? Darauf weist übrigens, vermutlich von Ökonomen geflissentlich übersehen, der berühmt-berüchtigte John Law, der gemeinhin als Erfinder des neuzeitlichen Papiergeldsystems gilt (übrigens pikanterweise ein hemmungloser Spieler, Spekulant und Zerstörer des französischen Finanz- und Wirtschaftssystems, ein schöner Ahnherr…):

Es gab kein Maß, das die Wertrelation, welche die Waren untereinander hatten, hätte zutage treten lassen. (John Law, Handel, Geld und Banken, 13)

Selbst wenn man auf Warengeld wie Muscheln o.ä. rekurrieren wollte, müsste man zweierlei tun: Es entweder bereits als Geld anerkennen. Oder zeigen, dass Muscheln auf eine Wertannahme rekurrieren, die selber nicht wertförmig ist. Das ist absurd. In einer Tauschgesellschaft kann kein Geld eingeführt werden, ohne dass es schon einen Begriff von Geld zuvor gibt (Singer. 88f). Und damit dreht sich die Sache im Kreise. Singer hingegen, als Chartalist, begründet die Herkunft des Geldes durch staatlich(oder jedenfalls gemeinschaftlich)-rechtsetzenden Akt, angelehnt an den ersten Satz von Knapps Staatliche Theorie des Geldes“:

Das Geld ist ein Geschöpf der Rechtsordnung.

Zudem definiert er Geld eben nicht als das Schmiermittel des Warentauschs (das nach Lehre der Ökonomie ansonsten möglichst aus der Betrachtung der Wirtschaft ausgeschlossen bleiben soll, weils höchstens als Störfaktor vorkommt, wo es seiner „eigentlichen“ Schmiermittelaufgabe nicht nachkommt), sondern als Zahlungsmittel. Klingt nach Wortklauberei, ist ein gewaltiger Unterschied. Denn die Zahlung ist nicht die Bezahlung einer Ware im Tausch, sondern ist die Begleichung einer Forderung – und zwar von autoritärer Stelle. Also von staatlicher oder priesterlicher Stelle. Man könnte sogar noch das Gericht und die Strafzahlung hinzufügen, die ja nicht etwa einen Kaufakt darstellen, sondern nur eine rechtliche Forderung oder Verpflichtung begleichen: religiöses Opfer, staatliche Steuer oder Abgabe, gerichtliche Strafe.

Das scheint mir insofern stark, als hier das Zirkularproblem der Wertsetzung, das der Warentausch zeitigte, nicht auftritt. Die Autorität kann einfach fordern, was sie haben will. Und sie selbst kann Wertungen vornehmen: höhere oder niedrigere Strafen, Opfer, Steuern. Das funktioniert sogar in einer Vor-Geldherrschaft. Ohne Problem.

Es lässt sich vermutlich sogar der Debitismus mit seiner Grundauffassung, alles (tatsächliche Papier-) Geld entstehe aus Kredit, Geldscheine seien nichts anders als Kredite, hieran gut anschließen. Man müsste lediglich eine Historisierung insofern unternehmen, dass man von der Sachzahlung, die etwa ein Schaf als Strafe fordert, über die Goldzahlung (die ein Gemisch aus Gold-Ware und Wertaufbewahrungsstoff darstellt) bis hin zur Papierzahlung (die keine wertige Sache mehr ist, sondern nur noch Wertzeichen) schreitet und die zunehmende Kreditabhängigkeit von Geld einräumen würde.

Wer also Geld in den Blick bekommen will, sollte es nicht im Rahmen einer Theorie zu versuchen tun, die sich nicht für Geld interessiert, sondern es eigentlich nur als Aufbewahrungsgefäß für ein Wert-Fluidum betrachtet, das die Waren beweglich hält. Diese Annahme ist so platt, dass sie tatsächlich nur Wirtschaftswissenschaftlern zuzutrauen ist.

Das Stück beginnt mit der Hinterlegung eines Goldstücks gegen ein Blatt Papier. Und damit nimmt das Verhängnis fast schon von selbst seinen Lauf. Darauf weisen auch die regelmäßigen Krisen der gedeckten oder nicht gedeckten Papierwährungen seit John Law hin. Das System funktioniert eine Zeit lang. Wie lang diese Zeit genau ist, mag schwanken. Ein paar Jahrzehnte zumeist. Vielleicht auch einmal ein Jahrhundert. Aber dann bricht es in sich zusammen. Regelmäßig. Systemimmanent.

Und da der Text sich eigentlich und endlich mit dem Übergang vom goldgedeckten über das ungedeckte Papiergeld hin zum durch Papier (!) gedeckten und zuletzt ungedeckten, rein virtuellen Digitalgeld (wie verwandt es dem Buchgeld ist, sei mal dahingestellt), beschäftigen will, macht es Sinn, so anzufangen, wie es anfängt. Gold gegen Geld.